Seniorin am Beten Bild-ID85968762

Je älter wir werden, desto mehr rücken Themen wie Endlichkeit, Sinn, Schuld, Hoffnung und Abschied in den Vordergrund. Vielen Seniorinnen und Senioren gibt die Religion dabei Halt und Orientierung. Andere wiederum haben ein distanziertes, verletztes oder ambivalentes Verhältnis zum Glauben. Diese Personen religionssensibel zu begleiten heisst deshalb nicht, religiöse Antworten vorzugeben. Vielmehr sollten wir die persönliche Welt aller, jede und jeder für sich, ernst nehmen.

Religionssensible Begleitung beginnt mit einer offenen Haltung. Entscheidend ist die Frage: Was trägt einen Menschen? Das kann ein gelebter Glaube sein, ein Ritual aus der Kindheit, ein bestimmtes Gebet, das Vertrauen in Gott. Jemand kann aber auch in Zweifel, Wut oder Schweigen verharren. Gerade gegen das Lebensende hin dürfen durchaus auch gebrochene Glaubensbiografien Raum haben.

Der Glaube im Alter: Senioren verdienen Respekt

Am Abend des Lebens verschiebt sich die Perspektive: Die Vergangenheit nimmt viel Raum ein, während die Zukunft als begrenzt erscheint. Diese veränderte Sichtweise hat auch einen Einfluss darauf, wie ältere Menschen über Tod, Sterben und das Göttliche denken. Fragen nach Sinn, Schuld, Hoffnung und einem möglichen Leben nach dem Leben werden oft drängender – oder auch leiser, innerlicher.

Papst Leo sprach in seinem ersten Gottesdienst von dramatischen Begleiterscheinungen eines Mangels an Glauben. Der Sinn des Lebens gehe verloren, die Barmherzigkeit werde vergessen und die Würde des Menschen in dramatischster Weise verletzt. Weiter nannte er «die Krise der Familie und viele andere Wunden, unter denen unsere Gesellschaft nicht unerheblich leidet». Bei einem weiteren Auslandsbesuch in einem Altersheim betonte der Heilige Vater auch, den älteren Menschen gebühre Dankbarkeit, denn sie hätten zum Wohl der Gemeinschaft grosse Schwierigkeiten auf sich genommen. So der Appell des Papstes in einem Land, in dem es leider immer wieder vorkommt, dass ältere Menschen von ihren Familien verstossen werden. Vergessen wir nicht: Ältere Menschen müssen nicht nur betreut, sondern vor allem angehört werden, denn sie bewahren die Weisheit eines Volkes.

Der Glaube in der Gesellschaft: Alle haben ein Recht

Viele Menschen betrachten den Glauben als reine Privatsache und möchten ihn nicht im öffentlichen Raum thematisieren. Gleichzeitig ist Religion ein Bestandteil unserer Gesellschaft. Der Glaube kann Gemeinschaft fördern, und Gemeinschaft wiederum kann den Glauben stärken – besonders im letzten Lebensabschnitt. In einer demokratischen Gesellschaft haben sowohl religiöse als auch nichtreligiöse Menschen das Recht, ihre Überzeugungen frei zu äussern. Religionsfreiheit gilt für alle gleichermassen. Wer glaubt, darf dies ebenso zeigen wie jemand, der atheistisch denkt. Entscheidend ist ein respektvolles Miteinander: die Bereitschaft, einander zuzuhören, Verständnis zu entwickeln und voneinander zu lernen. Das gilt besonders beim Gespräch über den Glauben mit Seniorinnen und Senioren.

Der Glaube im Wandel: Werden wir älter und auch weiser?

Viele Menschen werden im Alter mündiger und verantwortungsvoller – und nicht etwa das Gegenteil. Und auch der Glaube macht eine ähnliche Wandlung durch: Feste Dogmen treten in den Hintergrund und/oder verstärken sich noch mehr. Das persönliche Erleben und die individuelle Beziehung zu Gott rücken in den Vordergrund. Als private Seniorenbetreuerin spüre ich öfters, dass ältere Menschen im Glauben bescheidener werden. Sie akzeptieren sogar Widersprüche eher, anstatt Antworten auf alles zu wissen. Es kann jedoch auch sein, dass sie mehr ins Grübeln und Zweifeln kommen, insbesondere bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Und auch mit Gott und dem Ende des irdischen Lebens. Während das Älterwerden mit körperlichen Einschränkungen einhergeht, gibt einem der Glaube sehr oft Halt, und man liest (wieder) mehr in der Bibel. Auch ein Besuch in einer Kirche und sogar gemeinsames Beten entdecken viele Menschen im Alter neu für sich.

Der Glaube als Ziel: Werden wir mit dem Alter gläubiger?

Als regelmässige Kirchenbesucherin würde ich einmal behaupten, dass ältere Menschen gläubiger sind. Das hat einen simplen Grund: Ich treffe einfach mehr Seniorinnen und Senioren in der Messe an als jüngere Menschen. Doch aus meiner ganz persönlichen Erfahrung will ich nun nichts verallgemeinern. Wobei: Es zeigt sich schon, dass es für viele Leute im Alter wichtiger wird, Religion und Spiritualität zu leben und zu erleben. Sie tun dies aber sehr individuell und nicht alle gleich intensiv. Wenn ich mit meinen Klientinnen und Klienten spreche, so erzählen mir einige, dass im Alter ihr «Draht zu Gott» stärker geworden sei, dass ihnen das Beten leichter falle und dass ihnen der Glaube Trost spende. Konsequenterweise gehen sie auch häufiger in einen Gottesdienst und schliessen sich eher religiösen Gruppierungen an. Das hilft dann auch vielen von ihnen, zufriedener mit ihrer eigenen Existenz zu werden. Ja, und sie verlieren auch mehr und mehr die Angst vor dem Tod. Der Glaube festigt ihre Überzeugung, dass das Ende eben nicht das Ende ist. Ebenso gibt es aber auch ältere Menschen, die in die umgekehrte Richtung gehen und ganz selbst bestimmen, wie und wann sie aus dieser Welt abtreten. Ganz ohne an etwas zu glauben – oder vielleicht auch mit starken Zweifeln. Man kann ja auch den Zweifel als eine Art Glauben bezeichnen. Auch er verdient, wie alle Menschen, die wir im letzten Abschnitt ihres Lebens begleiten, unseren grössten Respekt.